Was ich mir statt Demonstrationen wünsche

Was bedeutet für mich aktiver Widerstand? Wer soll etwas verändern? Wie können wir etwas verändern?

In den vergangenen zwei Jahren habe ich erst- und letztmals Demonstrationen beigewohnt. Ein guter Freund hatte mich zu dieser Absicht verleitet und eingeladen, der ich gerne gefolgt war, um mein eigenes Bild des politischen und gesellschaftlichen Geschehens besser zu verstehen.

Eine Demonstration fand im Kontext der Anti-TTIP Bewegung statt. In Berlin trafen sich um die 250.000 Menschen zu dem Zweck ein aktives Zeichen dafür zu setzen, dass sie mit den damaligen internationalen Verhandlungen nicht einverstanden seien und dem Vertrag nicht zustimmen würden.
Erneut in Berlin trafen sich wenige Monate später hunderttausend Menschen anlässlich des in Paris stattfindenden Klimagipfels, um zu bekunden und dafür einzustehen, dass die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung ein verheerendes globales Desaster bewirke und wir veränderte Bestimmungen und eine neue gemeinsame Intention brauchen, um den bevorstehenden Klimakatastrophen und der schwindenden Biosphäre unseres Planeten zuvorzukommen.

Die Ankündigungen der einzelnen Demonstrationen hatten in mir eine Sehnsucht nach dem Beschaffen von Informationen bewirkt. Die Folge war, dass ich mich ausführlicher mit den damaligen politischen Verhandlungen, speziell zwischen dem amerikanischen und dem europäischen politischen Kontinent, sowie der klimatechnischen Lage unserer Erde befasste. Insbesondere letzteres hatte mein Interesse auf besondere Art und Weise entfacht und verführte mich zu einigen Impulsen meinen Entdeckungen, meines tiefsitzenden Schocks und Fassungslosigkeit gegenüber unseres Umgangs mit Mutter Erde Ausdruck zu verleihen. Ich sprach einige Tage über nichts anderes mehr, schrieb Artikel am Fließband und fand mit nahezu jedem Menschen, der mir begegnete, einen Anlass über die weltweite Klimasituation zu sprechen. Mich interessierte, wie die anderen darüber dachten, vor allem aber, was ihr Wissenstand war. Von der prikären Lage hatte ich zuvor gehört und sie in meine Weltwahrnehmung integriert, doch war mir nicht wirklich deren Tragweite und Bedeutung für unser aller Leben bewusst. Nicht in diesem Maße. Mit Sicherheit haben die Emotionen, die beim Aufkommen der Informationsbeschaffung entstanden, dazu beigetragen, dass mir jenes Anliegen zunehmend wichtiger schien und meinen Fokus lenkte.

Und so begab ich mich voller Vorfreude auf die Demonstrationen. Voller Vorfreude darüber, dass so viele Menschen mit gemeinsamen Absichten zusammen kommen und etwas bewegen würden. Es war der Zeitpunkt gekommen ein Signal zu setzen, welches Veränderungen bewirken und uns doch noch ins Heil führen würde.

Am Ende hinterließen beide große Demonstrationen in mir ein Gefühl der Enttäuschung. Die aktive Erfahrung ist mein persönlicher Weg zur Erkenntnis. Der einzig wahre Weg, dem ich traue.

Eine Illusion war geplatzt, die mich Traurigkeit spüren ließ.
Ich war fassungslos darüber, was wir alle gemeinsam für eine Möglichkeit hatten versäumen lassen. Wie konnte es dazu kommen? Was hätten wir anders machen können? Warum haben wir es nicht getan? Das waren die Fragen, die mich im nachhinein beschäftigten.

Wenn mehrere hunderttausend Menschen sich zu einem Zweck an einem Ort versammeln, dann entsteht unweigerlich eine potenzielle Energie, die die gesamte Zukunft unserer Welt beeinflussen kann.
Davon bin ich überzeugt.

Doch in mir entstand das Gefühl, dass wir uns nur getroffen hatten, um gemeinsam einen mehrstündigen Spaziergang durch Berlin zu veranstalten, zu essen und zu trinken, Musik zu hören, zu feiern und passiv für etwas einzustehen, für das niemand aktiv Verantwortung übernehmen wollte.
Demonstrationen können nicht die einzige Antwort, und schon gar nicht die ausdrucksvollste, auf unsere gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen sein. Und warum genau demonstrierten wir eigentlich? Was war unsere Absicht? Und waren wir wirklich der Überzeugung, dass diese Absicht dazu führen würde, dass wir uns in Zukunft andere Fragen stellen würden?

Was ich sagen möchte, ist, dass trotz dieser Demonstrationen keine Veränderung eingetreten ist. Weder politisch, noch gesellschaftlich, noch auf sozialer Ebene. Es folgten keinerlei unmittelbare Konsequenzen, und auch keine, mit langfristiger Wirkung. Es hat sich grundlegend nichts verändert. Wir klagen heute noch über dieselben Anklagepunkte, wie damals.
Und so war es immer. Bis auf wenige Momente in der überlieferten Geschichte, in der einige wenige Menschen Verantwortung übernahmen und die Mehrheit mitgezogen hatten. Dann, als die allgemeine Unzufriedenheit ihren Berg erreicht hatte und die Zeit für Veränderungen gekommen war.

Ich möchte hiermit darum bitten, dass wir alle einen anderen Weg anpeilen sollten, als den des passiven Widerstandes. Und nichts anderes sind für mich Demonstrationen. An einer Demonstration teilzunehmen ist eine Ebene der Veränderung, die wir brauchen. Wir brauchen sie auf allen Ebenen gleichzeitig! Aber es ist nicht die Ebene, auf der Veränderungen entstehen, das sollte bewusst sein.

Demonstrieren ist für mich das Gegenteil von Eigenverantwortung. Es hat nichts mit Radikalität zutun und wenig damit, dass wir für etwas einstehen, was uns wichtig ist. Es ist passiver Widerstand, nicht mehr und nicht weniger. Und wo Unrecht zu Recht wird, da wird Widerstand zur Pflicht. Den passiven Widerstand hätten wir hiermit erläutert.

Was bedeutet für mich aktiver Widerstand?

Ziviler Ungehorsam. Eine unserer problematischen Situationen auf gesellschaftlicher Ebene ist nicht, dass zu viele Menschen zivilen Gehorsam leisten. All diejenigen, die ihre eigene innere Stimme von denen vermeintlicher Führungskräfte übertönen lassen. All diejenigen, die die Verantwortung für ihre eigene Lebenssituation in die Entscheidung anderer abgeben. All diejenigen mit der Floskel im Kopf „so war es doch schon immer, so wird es immer sein“ oder „das ist doch normal“.

Nein, problematisch ist, dass zu wenige zivile Ungehorsamkeit leisten. Zu wenige, die „nein“ sagen. Zu wenige, die etwas anderes tun, als von ihnen erwartet wird. Zu wenige, die nicht bereit sind dafür einzustehen, was ihnen wichtig ist und noch viel wichtiger: zu wenige, die nichts dafür tun, dass es ihren eigenen Kindern und allen anderen Kindern dieser Welt einmal besser gehen wird, als den ganzen Leidenden, die wir tagtäglich beobachten oder vielleicht sogar nur allzu gut aus unserem eigenen Bekannten-, Freundes- und Familienkreis kennen.

Niemandem muss erklärt werden, dass es nicht notwendiges Leid auf dieser Welt gibt. Wir alle erleben es ein jeden Tag aufs neue. Es ist zu unserem Alltag geworden. Diese Information ist schlichtweg überflüssig, da sie allgegenwärtig und offensichtlich ist.

 

Wer soll etwas verändern?

Ich! Wir! Wenn du diesen Artikel hier liest, dann bist du einer der wenigen Menschen auf dieser Welt, denen es gut geht, die in diesem Moment nicht ihren Tod fürchten müssen und stattdessen die Freiheit genießen können sich Informationen zu beschaffen, zu lesen und sich mit anderen zu vernetzen.
Sei ungehorsam! Immer dann, wenn du Unrecht beobachtest oder es dir widerfährt. Und trete dabei bitte gegen niemanden, auch nicht gegen den, der vermeintliches Unrecht entstehen lassen hat. Anschuldigungen, Rechthaberei, Gewalt und Hass unterbrechen die Kette des Leidens nämlich nicht. Sei besser! Sei größer als das! Unterbreche die Kette! Verhindere, dass eine Energie, die für jemanden schwer zu tragen ist, die Unglück, Schmerz, Wut, Trauer oder Angst auslöst auf jemand anderen übergeht! Das ist unser einziger Ausweg aus der vermeintlich unausweichlichen Situation, in der wir alle drinstecken. In der jeder von uns beteiligt ist, ohne Ausnahmen. Solange du nur einem anderen Menschen an deinem Tag begegnest, bist du involviert und mitverantwortlich. Der eine mehr, der andere weniger, aber jeder.
Ich gelobe mir selbst geduldiger zu sein, die Position des anderen nachzuvollziehen und statt seiner Worten und Taten die dahinterliegenden Bedürfnisse zu sehen und auf diese zu reagieren, wohl wissend, dass sich sein Verhalten vorher nicht ändern wird.

Wie können wir etwas verändern?

Zunächst brauchen wir dringend eine gemeinsam formulierte Intention. Wir können nicht für etwas einstehen und dafür gehen, wenn wir nicht wissen, für was und wohin. Niemand kann behaupten, dass ein Weg der falsche sei, wenn er nicht weiß, welcher der richtige ist.
Bevor wir uns jedoch an einen Tisch setzen und uns überlegen, worauf wir gemeinsam zusteuern möchten, ist es unabdingbar, dass ein jeder von uns sich vorbereitet hat. Das bedeutet, dass ihm klar ist, wofür er selbst, alleine, gehen möchte. Und, was es ihm wert ist.

Was bist du bereit zu riskieren? Was ist dein Einsatz?

Auf viele von uns wartet die erschreckende Erkenntnis, dass wir um die Welt zu verändern, womöglich erstmal uns selbst, unser eigenes Leben, radikal verändern müssen. Das ist die einzige Bedingung. Und die ist kostenlos und für jeden zu bekommen. Und keine Botschaft könnte jemals klarer sein als diese.

Der nächste Schritt ist an all diejenigen gerichtet, die spüren, dass sie etwas bewegen können, weil sie wollen. Ihr seid die Führer dieser Bewegung! Und wir brauchen Führer, heute mehr denn je.
Wegbereiter und Wegweiser sowie Menschen, die die Führungsqualitäten in anderen erkennen und sie darin fördern, auf dass sie mehr Führer generieren. Das ist eine Aufgabe, die denen obliegt, welche ihr eigenes Potenzial bereits erkannt haben. Nur ihr seid in der Lage die Fähigkeiten im anderen zu sehen. Nur diejenigen, die ihre eigenen Fähigkeiten kennen und achten.
Menschen mit Reichweite und Einfluss, mit Wissen und Fähigkeiten, sollen uns alle leiten. Der nächste Schritt erfordert so viele Maßnahmen und die Übernahme so vieler Verantwortungen im Kleinen, im Großen, im Alltag, im politisch und sozialen Miteinander, dass nicht jeder alles machen kann. Jeder dort, wo er derzeit ist. Jeder dort, wo er gebraucht wird. Jeder bei dem, der seine Hilfe braucht. Jeder an seinem Ort. Und alle gleichzeitig. Wir brauchen alle, denn es geht um alle.

Menschen mit Reichweite müssen sich versammeln. Ihr seid die ersten, die eine gemeinsame Absicht festlegen. Vor allem ihr seid dem Dienst einer höheren Sache verpflichtet, denn euer Leben wird getragen und ermöglicht von der Masse. Mit jeder glücklichen Position im Leben geht eine bestimmte Verantwortung einher. Unsere Position war und ist unsere Entscheidung. Wer der Verantwortung nicht gerecht werden kann, weil er nicht will, der sollte sie abgeben. Auch das ist verantwortungsvolles Handeln, zu wissen, wann man seine Verantwortung aufteilt und an andere abgibt.

Und wenn wir nun an einem Punkt angekommen sind, an dem klar ist, wer führt, was unsere gemeinsam formulierte Absicht im Interesse aller ist und wofür wir überhaupt gehen, dann können wir einen Wandel bewirken.
Eine Möglichkeit, auf die ich gestoßen bin, während ich in Spanien erstmals in besetzten Häusern lebte, war: Das Besetzen

Wenn ich auf einem Stuhl sitze, dann kann so schnell erstmal kein anderer darauf. Und ihn auch nicht aus dem Raum tragen, ihn nicht anmalen oder sonstwas damit betreiben. Ich be-sitze ihn. Das bedeutet Besitz. Es ist nicht mein Eigentum, aber in meinem Gebrauch. Ich verwende es.
Viele Einzelne und teilweise auch Gruppierungen bedienen sich bereits des Besetzens von Straßen, Häusern oder ganzen Anlagen, wenn es darum geht ein Signal, ein politisches Statement zu setzen. Und immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie viel Aufmerksamkeit und Störungen diese wenigen Menschen damit erzeugen. Danke ein jedem von euch, dafür dass er uns allen vorlebt, wie friedlicher, gewaltfreier, aber aktiver Widerstand funktioniert!
Für mich ist es ein großes Paradoxon zu hören, dass das Besetzen als passiver und das Demonstrieren als aktiver Widerstand wahrgenommen wird. Andersrum.

Was würde geschehen, wenn wir statt mit 250.000 Menschen einen Tag durch Berlin zu gehen, den Bundestag, die Klimakonferenz, ein Atomkraftwerk oder sonstige Institutionen, in denen Entscheidungen gefällt werden, besetzen?
Wer sollte diese Masse an Menschen aufhalten? So viele Hundertschaften an Polizeigewalt kann kein Land dieser Welt für sich beanspruchen. So viel Papierkram und Bürokratie an Strafverfolgungen wären nicht zu bewerkstelligen.
Was auch immer, was soll geschehen? Wie soll irgendeine politische oder wirtschaftliche Macht dagegen reagieren, wenn wir alle als Gesamtheit auftreten und uns nicht eher vom Fleck bewegen, ehe eine Konsequenz eingetreten ist, ein Gesetz verabschiedet oder Verantwortungen ausgetauscht wurden, die unserer zuvor verfassten gemeinsamen Absicht dienen?

Es ist ein Witz, was jemand machtvoll nennt, im Vergleich zu hunderttausenden Menschen, die wirklich bereit sind für eine Sache zu gehen.

Das Internet nutzen

Wir haben heute eine in der Geschichte einmalige Möglichkeit dies umzusetzen. Es liegt an uns, die ersten zu sein. Wir befinden uns im Internetzeitalter.
Heute haben wir die Möglichkeit uns miteinander zu vernetzen, global, wie es noch niemand vor uns konnte. Nicht in dieser Geschwindigkeit. Nicht in dieser Effizienz. Und niemand kann es verhindern. Die Macht liegt bei uns allen.
Politik und Wirtschaft agieren nicht im völligen Chaos, sondern in Einigkeit. Entscheidungen werden offensichtlich von einigen wenigen getroffen und weitergeleitet. Warum machen wir es nicht genauso?

Wir haben die Möglichkeit eine Führungselite zu bestimmen. Menschen mit Reichweite. Wir haben die Möglichkeit uns miteinander zu vernetzen, kleinere und größere Gruppierungen zu bilden und Entscheidungen, die von wenigen formuliert wurden, weiterzuleiten. Alle zu informieren und darauf basierend ein gemeinsames Vorgehen einzuläuten. Geschlossen.

Danke.

Auf die Plätze, fertig, los!

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