Mein European Rainbow Gathering 2017

Am Dienstag, den 01. April, bin ich gemeinsam mit meinem besten Kumpel Andi von Aachen aus Richtung Udine/Italien losgetrampt und angekommen. Das Rainbow war unser Ziel. (Mein letztjähriger Erfahrungsbericht zum großen europäischen Rainbow kann hier nachgelesen werden)

Zwar hatte ich mir im vergangenen Jahr geschworen kein Event dieser Größe mehr zu besuchen, doch war es mir ein durchaus wichtig Erlebnis meinen besten Freund den Erfahrungsraum in eine andere Welt betreten zu sehen. Viel habe ich mit Andi in den letzten Jahren über alternative Lebensweisen gesprochen, über gedankliche Strukturen, die allen voran uns als Einzelwesen daran hindern unser Potenzial voll auszuschöpfen.
Andi hat die anarchistische Idee des Rainbows umgehend zur Auswirkung seiner eigenen Stärken genutzt. Bereits am zweiten Tag war er der Mann, der ermöglichte, dass die täglich von mindestens 150 Menschen und mehrere Kilometer lange Essensmission organisiert, strukturiert und wahrgenommen wurde. Dank ihm wurde das Essen, welches von einem Truck täglich auf die andere Bergseite gebracht wurde, von uns abgeholt und allen zur Verfügung gestellt. Dank ihm hatten wir Essen.

Das Rainbow fand einige Kilometer abgelegen von Udine, im Nordosten Italiens, statt. Umgeben von imposanter Bergkulisse, viel Wald und Grün und einer atembereichernden frischen Luft fanden wir uns einem der schönsten Orte der Natur wieder, die wir je gesehen hatten.

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Eine Natur, die zur Demut einlädt

 

Etwas mehr als 3000 Menschen hatten sich hier oben versammelt. Beinahe 10km und 1600 Höhenmeter musste jeder einzelne von uns, auch Schwangere und Kinder, hinter sich gebracht haben, um diesen Ausblick inmitten des Bergtals, wie im Narbel von Mutter Natur, genießen zu dürfen.
Ich dachte, dass diese Anforderungen viele Menschen verschrecken würde. Tatsächlich aber kamen wesentlich mehr, als im vergangenen Jahr. Und es waren viele Touristen unter ihnen. Menschen, die mir das Gefühl gaben, mit ihren Sonnenbrillen, Kameras und Smartphones, dass sie „nur mal sehen wollten, wie die Hippies so leben“.
Doch es wäre nicht das Rainbow, wäre es nicht bestimmt gewesen von gewaltigen Energien, von Menschen, die wirken wie Halbgötter und Künstlern mit einzigartigen Talenten. Mir sind wiedermal Menschen begegnet, deren Schönheit mich immer wieder aufs neue in eine Ekstase hat gleiten lassen.
Ich mag es sehr dem Schönen zu verfallen. Ästhetik, Eleganz, ja vor allem das Weibliche sind in meinen Augen das Einzige, welches der Schönheit des Sternenmeeres bei klarer Nacht standhalten kann. Wahrscheinlich ist es jedoch so ein persönliches Ding, denn die meisten reagieren dann doch, wenn auch amüsiert, überrascht darüber, wie sehr ich mich über gewisse Dinge freue.

 

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Morgens ein kühles Bad im frischen Bergwasser

Mein ureigener Höhepunkt während meiner acht Tage auf dem Zusammenkommen von Reisenden war der Tag, an dem wir Vollmond zelebrierten. Vor einem Jahr war dies der Tag, an dem ich erstmals nackt vor hunderten von Menschen getanzt und den Raum der Schwerelosigkeit und Ekstase spielerisch erreicht hatte.
Ich kann mich auf ein bevorstehendes Ereignis sehr leicht konzentrieren, mich darauf einstimmen. Wenn ich weiß, dass ich mich auf etwas freue, dann kann ich damit rechnen, dass ich an diesem Tag vital und energetisch sein werde.

Eine Woche lag nun bereits hinter uns, als es wieder Montag wurde, als die Vollmondnacht beginnen sollte. Jeden Morgen begann ich gleichmäßig damit über die weißen Steine – das meist trockene Flussbett – den Weg zum Bergwasserbach anzutreten. Einige hundert Meter, die von mir verlangten mich auf den Boden zu konzentrieren, und mir somit ein meditatives Erwachen ermöglichten.
Am Bach gab es Stellen, um sein Geschirr zu waschen, natürlich ohne Seife, gerne mit Asche; oder seine Klamotten. Ewas weiter lag eine Versenkung, man musste nur einen Meter hinunter klettern, an der sogar gebadet werden konnte. Im Eiswasser.
Wenige hielten es längere Sekunden im Becken aus, viele erlebte ich schreiend und mit dem Wasser kämpfend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Kälte alleine für solchen Schmerz verantwortlich sein konnte und war mir sicher, dass mein Körper anders reagieren würde. Nach wenigen Tagen bekam ich den Ruf als „Ice-Man“. Tatsächlich gelang es mir auf Anhieb, auch ohne die Verwendung einer Atemtechnik von Wim Hof – die für das kalte Wasser ermächtigt und um deren Vermittlung Andi und ich bemüht blieben – mehrere Minuten gelassen im Eiswasser zu baden und als einziger darin zu verweilen. Jeden Morgen erneut ein spaßiger und belebender Einstieg in den Tag.

 

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Foodcircle beginnt

 

Am Mittag zog ich weiter zum Mainfire, ein zentral gelegener allgemeiner Treffpunkt, an dem unter anderem auch die gemeinsamen Mahlzeiten stattfanden – die Foodcircle. Das große Feuer in der Mitte brannte ununterbrochen, auch bei Wind und Sturm, immer war jemand da, der sich um die Flammen und die Glut kümmerte.

Gerard war mit mir. Ein junger Katalane, den ich bereits am ersten Tag während des Sturms kennengelernt hatte. Wir beide suchten Zuflucht unter einem Tipi und begannen bei Blitz und Donner das Jonglieren, um für uns und die anderen eine angenehmere Zeit zu schaffen. Wir lachten viel und so wurde für alle Beteiligten aus dem regnerischen Nachmittag noch eine lustige Erfahrung. Wir lernten uns in gegenseitiger Hochform kennen.
Seitdem übte ich regelmäßig zu jonglieren. Die Bälle besaß ich erst seit einigen Tagen, doch meine Fortschritte überraschten mich selbst. Gerard holte seine drei Bälle noch hinzu und wir beschlossen miteinander einige Übungen durchzuführen und zu trainieren. Auf dem Platz waren zwar viele Menschen, doch allgemein herrschte Lethargie und Kreativlosigkeit. Die Stimmung schien dadurch geprägt zu sein, dass der familiäre Spirit im Zuge der vielen Touristen nachließ. Die Energien wirkten eher zerstreut, nicht auf eine gemeinsame Intention gerichtet.
Und so schafften Gerard und ich uns eine kleine Insel, von der aus wir zwar alles beobachten, uns aber nichts berühren konnte.
Nicht lange, und wir befanden uns beide in ekstatischer Freude. Es lief gut für uns. Uns beiden gelangen neue Tricks und unser Basiskönnen im Umgang mit den Bällen wirkte sicherer. Mit steigendem Selbstvertrauen stieg die Wahrscheinlichkeit für ein gelungenes Spiel. Und wie wir da so zusammen standen und lachten, entdeckte ich mitunter, dass viele Menschen um uns herum nun zusammen gekommen waren. Viele Gruppen, die etwas miteinander unternahmen. Kunst. Akrobatik. Musik. Immer mehr von ihnen lachten, so wie wir.

 

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Geist des Rainbows: Wir alle sind eine Familie

 

Neben mir verteilten eine Frau und ein Mann seltsame Brillen. Jeder, der eine trug, wurde von jemand anderem an der Hand gehalten und schien Schwierigkeiten beim Sehen zu haben. Ich wurde aufmerksam, als mir der Gedanke kam, dass es eine Herausforderung sein würde mit dieser Brille normal zu agieren, da es scheinbar keinem gelung. Ich mag Herausforderungen sehr. Vor allem die neuen. Ich ging also mit Gerard hin und bat um eine Brille, den ersten Versuch machte er. Ich hielt seine Hand. Gestartet wurde im Sitzen und dann sollte der Probant versuchen aufzustehen und bestenfalls einige Schritte nach vorne zu gehen. Was veränderte die Brille in der Wahrnehmung, das diese simple Anweisung so schwierig umzusetzen machte?

Gerard meinte, dass alles irgendwie verwechselt sei. Aha. Er gab mir seine Brille, ich setzte mich wie zuvor abgesprochen auf den Boden und schloss die Augen beim Überziehen. Beim Öffnen verstand ich instinktiv, was er mit „verwechselt“ meinte. Alles war vertauscht. Links und rechts. Oben und unten. Mir wurde klar, dass es zu aufwendig sei, dass Gesehene logisch zu verarbeiten und darauf Rückschlüsse auf das eigene Bewegungsmuster zu ziehen. Stattdessen fokussierte ich mich darauf, mich wie gewöhnlich zu bewegen, ohne zu beachten, was sich dabei in meinem Sichtfeld veränderte. Die Schwierigkeit bei der Umsetzung jedoch belustigte mich so sehr, dass ich sofort das Lachen begann. Lautstark. Sowas hatte ich noch nie erlebt! Meine gesamte Wahrnehmung mit den Augen war buchstäblich auf den Kopf gestellt. Auf nichts konnte ich mich mehr verlassen. Der Wahnsinn! Lange habe ich gelacht und verschiedene Späße mit der Brille durchgeführt, ehe ich sie wieder abgab. Um uns herum lachten alle mit. Heiterkeit und Festtagsstimmung war ausgebrochen.
Dann sah ich ein junges Paar, welches meistens schweigend für sich verblieben war. Beide waren sie mir sympathisch, doch nie hatten wir zuvor Kontakt gehabt. Sie stand vor ihm. Nackt. Er stand mit der Brille, den Mund fassungslos offen. Ich stellte mich neben die beiden, ehe sie mir erklärte, dass er durch die Brille ihren Körper an seinem sehen könne. Körpertausch quasi. Wie bitte???!!! 
Er gab mir die Brille, sie stellte sich vor mich. Ich schaute nach vorne und sah ihr Gesicht. Dann bewegte ich meinen Kopf runter, in der Erwartung natürlich meinen eigenen Körper brustabwärts zu betrachten. Doch ich sah ihren! Ich hatte eine blassen Frauenkörper mit Brüsten! Haha!

Nach diesem Bild lag ich mehrere Minuten lachend auf dem Boden, habe mich gerollt und geschrien, und erst zum Schluss bemerkt, dass alle Menschen um mich herum ebenfalls lachten. Es war ein wundervoller Anblick, der mich in die reinste Ekstase führte. Die Menschen hatten Freude, alle miteinander. Das ist für mich das Rainbow.

Andi erschien. Meine Güte, wie schön dich zu sehen mein Freund! Wir umarmten uns lange, ehe er mir berichtete, dass er mich innerhalb seiner Gruppe von weiter Entfernung habe lachen hören. Dort wo er war, sei die Stimmung nach meinen Lachanfällen deutlich verändert, gehoben worden. Er habe überall beobachten, wie die Leute zueinander anders wurden, freundlicher, lustiger und offener. Deswegen sei habe er mich aufgesucht. Das tat gut zu hören. Unser aktuelles Lieblingsthema ist ohnehin die schöpferische Kraft in unserem menschlichen Potenzial, und zwar ihre konkrete Anwendung im Alltag. Dass dies nur aus einer gelassenen Grundstimmung in Ekstase geht, dem Zustand, den ich auch Flow nenne, ist unsere Basis der Annahme, dass wir ein Mindset aufbauen können, welches uns einen spielerischen Umgang mit Lebenssituationen verschafft und dabei stets auf das Höchste zielt.

Andi meinte, dass er sich neben mir stehend wesentlich leichter und doch kräftiger fühlen würde. Gerard sagte mir, dass er in der letzten Stunde neben mir jonglierend mehr Fortschritte gemacht hätte, als im ganzen letzten halben Jahr. Sie beide beflügelten mich zusätzlich und ich merkte, dass sich bei mir eine energetische Wandlung durchführte. Mein Körper sprudelte, ich wollte mich bewegen. Mit Andi begann ich einige Kraftübungen, auch Yoga und später Acro-Yoga. Zwei mal wurden wir bei unserem ersten Versuch miteinander akrobatisch zu sein darauf angesprochen, ob wir Fortgeschrittene seien und Unterricht geben würden. Lustig. Mein Körper strahlte und Andi wurde nicht müde zu betonen, wie unfassbar es sei, dass ich diverse Übungen ohne Pausen hintereinander ausführen könne. Scheinbar ging mir das Gefühl für Ermüdungen verloren, ich fühlte mich geladen und gefestigt wie auf einem Trip.

Am anderen Ende des Platzes sah ich drei Drummer, die eher für sich selbst spielten. Ich gesellte mich zu ihnen, und hatte mich ehrlich gesagt schon länger darauf gefreut heute zur Vollmondzeremonie mit den anderen musizieren zu dürfen. Ich bin sehr dankbar darüber, dass der Großteil meiner ersten Musikerfahrungen durch gemeinsames Tun geprägt ist. Das hat mich vielleicht um einige frustrierende Erfahrungen zu Beginn erleichtert, denn gemeinsam macht es mir definitiv Spaß und ich kann gut und gerne in eine zusätzliche Verantwortung schlüpfen, statt in die Hauptverantwortung. Ich kann mich fallen lassen, und meinem persönlichen Maßstab und Besinnen nach die Gruppe ergänzen, ohne Druck, doch beflügelt von der gemeinsamen Kunst und Freude am Werk.

Es dauerte wohl nur wenige Momente, wir waren bereits ein Dutzend Drummer und mehrere hundert Menschen die wild um uns herum tanzten. Episch! Magisch, was passiert war! Es war mir ein persönliches Geschenk in dieser Energie Musik machen zu dürfen, noch dazu mit anderen, aber dann auch noch diesen Erfolg und die Zustimmung unserer Mitmenschen zu erleben, das war der heilige Wahnsinn! Ich fühlte mich sehr wohl mitten unter den Musikern und genoss die vielen freudigen und bestätigenden Blicke der Menschen um uns herum. Es war wieder Festtagsstimmung.

Dann entdeckte ich drei, die einige Jahre jünger schienen als ich. Ich weiß ihr Verhältnis zueinander immer noch nicht, doch sie wirkten auf mich wie zwei Brüder und eine Schwester im gleichen Alter. Ungefähr 20-22 Jahre alt. Allesamt blond, eher blass, helle bläuliche Augen. Sie alle drei hatten etwas urliebes und doch so geheimnisvolles hinter ihrem Blick, etwas, das von ihren guten reinen Seelen bezeugte und sie doch davor bewahrte, von jemand anderem gelesen zu werden, ohne eine Maske tragen zu müssen.
Ich bin überzeugt von der Theorie, dass unsere Augen auf eine mir unbeschreibliche Weise der Spiegel unserer Seele sind. Und ich mag es Augen zu beobachten und Muster zu erkennen. In diesen drei jungen Menschen sah ich etwas, das sie miteinander verband, und alle drei saßen sie auf einer Trommel nebeneinander und wirkten trotz offener Augen so abwesend, so in Trance und voll auf die Musik konzentriert. Sie spielten, als gäbe es keinen anderen Moment als diesen. Leidenschaft. Volle Hingabe.

Vor allem sie, die Schwester, hatte es mir angetan. Ihre Schönheit war verblüffend. Ihre Augen strahlten etwas majestätisch geheimnisvolles aus, wie eine Katze. Eine sehr erhabene Wildkatze, eine Katze wie eine Königin. Meistens hatte sie den Kopf leicht nach unten gerichtet, die Augen geschlossen, und bewegte sich taktvoll zum Rhythmus ihres Spiels. Manchmal schaute sie kurz auf, selten trafen sich unsere Blicke. Doch wenn sie es taten, erstarrte ich. Fassungslos welcher bewundernswerten Schönheit ich ins Auge blicken durfte.

Eine Frau tippte mir von hinten auf die Schultern. Sie flüsterte mir ins Ohr, dass soeben ein Kind am Fluss auf dem Gelände geboren wurde und ob ich diese frohe Kunde verbreiten wolle. Natürlich!
Intuitiv stand ich auf und richtete mich mit erhobenem Zeigefinger vor den Lippen vor die anderen Drummer. „Focus! Focus!“, das sagte man auf dem Rainbow, wenn allgemeine Aufmerksamkeit für eine Ansprache erfordert wurde. Alle stoppten umgehend ihr Spiel, bis auf einen, der trommelte einfach weiter und fragte mich „Why?“. Ich verstand ihn, gerne wollte ich auch weiterspielen. Nun flüsterte ich ihm also die Botschaft ins Ohr, woraufhin er sofort innehielt und entgeisterte reagierte „Whoa! Really?!“.
Nun hatte ich also die gesamte Aufmerksamkeit. Die Musiker hatten wegen mir Stille erzeugt und die restlichen beinahe tausend Menschen starrten deswegen nun erwartungsvoll in meine Richtung. Ein Bild, das ich vollends aufgesaugt habe. Für diese Momente lebe ich, das fühlt sich nach Leben an.
Vor tausend Menschen befand ich mich plötzlich in der Situation die Botschaft verkünden zu dürfen, dass an diesem sagenhaften Naturort heute ein Neugeborenes das Licht der Welt erblicken durfte. Gesund. An Vollmond. Unter uns, mitten im Fluss. Ihm sei womöglich kalt und ich würde mich freuen, wenn jemand etwas Warmes für das Kind habe, fügte ich noch auf Englisch hinzu.
Die Musiker animierte ich weiterzumachen, ehe ich den Platz verließ und mich nun der Verantwortung übergab Spielball des Lebens zu sein. Viele Menschen kamen daraufhin auf mich zu, suchten um Informationen. Viele gaben mir Klamotten, Tücher und Decken mit. Viele schöne Frauen sprachen mich an. Mit einer jungen Mutter und ihrem bildschönen Sohn trat ich das Abenteuer zum Fluss an, gab die geschenkten Sachen dort ab und machte mich zeitnah wieder auf den Rückweg, denn die Mutter wollte verständlicherweise lieber im kleineren Kreis bleiben. Alles war gut gegangen!

Zurück am Mainfire schloss ich mich, da meine Trommel mittlerweile besetzt war, den Tänzern an. Natürlich in der ersten Reihe, mit zunehmend steigender Ekstase nach all den wundervollen Momenten an diesem Tag.

Am Abend saß ich immer noch an derselben Stelle, mittlerweile war das heilige große Feuer, für das bereits den ganzen Tag Baumstämme aufgelegt wurden, entzündet worden und der Foodcircle sollte beginnen. Wir drummten und drummten vor uns hin, allesamt in fröhlicher Freude, und vergaßen alles außerhalb des Moments. Dann berührte wieder jemand meine Schulter, das zweite mal heute. Wieder sollte es zu etwas sehr Schönem führen.

Es war die junge katzengleiche Frau mit den hellen blauen Augen. Sie ließ mich wissen, dass sie gerne für mich einspringe, falls ich müde werde und meine Trommel abgeben möchte. Ich schaute sie an, dann meine Trommel, dann wieder sie und bat sie Platz zu nehmen. Zu gerne hatte ich am Nachmittag gesehen, wie sie tranceähnlich der Trommel verfallen war. Zu gerne würde ich es wiedersehen. Nur kurz bereute ich, dass ich nun selber keine Trommel mehr habe, ehe unsere Gruppe sowieso aufgelöst wurde, da Essen verteilt werden sollte.
Ich motivierte die anderen mit mir ans andere Ende des Feuers zu kommen und weiterzumachen, woraufhin jene junge Frau als erste aufstand, ihre Trommel unter den Arm nahm und auf mich wartete. Da aber nicht alle so zügig reagierten, ging sie schließlich alleine vor und ließ ich in der Verantwortung zu folgen. Leider konnte ich keinen der anderen mehr animieren und als ich schon aufgegeben und mich darauf gefreut hatte mir ihr eben alleine zu sein, kam eine andere sehr hübsche Frau von links auf mich zu, sprach mich an und bot mir ihren Joint an. Doch ich wollte zu jemand anderem, und so sah ich diese hübsche Frau als eine Art Opfer, welches ich bringen musste, um gleich eine noch viel aufregendere Begegnung zu erfahren.

Ich ging einmal um das Feuer herum und sah sie bereits auf dem Boden sitzend auf mich warten. Sie winkte. Ich freute mich darüber. Mehr als eine Stunde haben wir miteinander getrommelt und gesungen. Viel haben wir miteinander geredet, ich habe ein Bild von ihr, wenn auch keinen Namen. Sie stammt aus Estland, sie ist meine Drum-Sister. Unser Gespräch war eines dieser seltenen Erlebnisse im Leben, wenn ich mich zu jemand bisher Unbekannten sehr verbunden, sogar vertraut fühle. Weder vorher noch die Tage danach habe ich sie jemals wiedergesehen. Nur an diesem einen Tag. Und dadurch, dass unsere Begegnung einmalig geblieben ist, wird mir der Zauber ihrer Anwesenheit in meinem Leben für immer erhalten bleiben. Vielleicht werde ich nie die Gelegenheit dazu bekommen, dass sich mein Bild von ihr trübt – und dafür bin ich sehr dankbar. Nicht alle Menschen in unserem Leben sind dafür bestimmt, uns länger zu begleiten. Manche sind einfach nur ein Geschenk. Vielleicht sehe ich sie doch wieder.

Ein junger Mann holte sie zum Essen ab, sie willigte er nach langer Überredungskunst seinerseits ein. Sie wollte nicht weg. Ich glaube, er war ihr Freund, doch schien sie wenig Aufmerksamkeit für ihn zu haben. Und da ich nur ein Mensch bin, machte mich das sehr glücklich.
Ich hörte die ersten Trommeln spielen und bewegte mich wieder zurück, schloss mich den Drummern an und begann für die restlichen zwei Stunden, worauf ich mich zuvor bereits gefreut hatte: Die Vollmondzeremonie als Drummer zu begleiten, im Kern der anderen. Wir standen erst etwas außerhalb, ehe ich vorschlug und einleitete, dass wir Drummer uns in den ersten Kreis um das Feuer herum positionierten sollten, da dort bessere Akkustik herrschte.
Ein junger Mann stand neben mir. Er hatte Adidas-Schuhe an, war als einziger in der vorderen Reihe voll angezogen und beschränkte die Bewegungsfreiheit meiner Arme. Ich wies ihn darauf hin, dass Schuhe am Feuer verhindert werden sollten. Das hat zum einen etwas mit der erwünschten Achtsamkeit und Pflege des heiligen Feuers zutun, auch aber, weil das Gummi schmilzt und chemische Ablagerungen in der Asche hinterlässt, die wir zum biologischen Waschen und Spülen verwenden wollen.
Er beachtete mich nicht. Zwei weitere Male wies ich ihn noch darauf hin, dass er doch bitte seine Schuhe außerhalb des Steinkreises ausziehen solle, ehe er mir zu verstehen gab, dass ich ihn nerve und er es nicht machen werde. Reaktionen wie diese stehen leider auch stellvertretend für das touristenreiche Rainbowtreffen in diesem Jahr. Doch das Rainbow wäre eben nicht das Rainbow, wenn dort nicht ein energetischer Raum vorzufinden wäre, in dem sich alles manifestiert, was sein soll. Der junge Mann hatte sich mittlerweile meine Gunst verspielt und verschärfend kam hinzu, dass er nun nicht mehr nur neben mir, sondern genau vor mir stand und mir die Sicht zum Feuer versperrte. Er schüttelte einhändig eine Rassel und benahm sich wie ein selbstverständlicher Teil der Musikergruppe, wirkte in meinen Augen aber wie ein parasitärer Fremdkörper. Aus dem Nichts erschienen drei Drummer, die sich zu unserer Gruppe hinzustellten und alle umstehenden Tänzer baten bitte aus Respekt einen Raum für die Musiker zu schaffen, da es mittlerweile zu eng zum spielen wurde. Der erste an den sie sich richteten, war eben jener junge Mann. Streng und ausdrücklich wurde er gebeten umgehend die Gruppe zu verlassen. Für seinen Blick hätte ich alles Geld der Welt gezahlt, der war unbezahlbar.

Bis meine Hände wund wurden habe ich noch in die Nacht gespielt, als einziger von Beginn an und erstmals verzichtete ich freiwillig dafür auf Essen. Irgendwann trieb mich dann aber doch der Hunger, nachdem der Besitzer der Trommel, auf der ich gesessen hatte, auch mal wieder spielen wollte. In der Küche fand ich noch einen Topf voll köstlichem Salat und hatte großes Glück, denn die vergangenen Tage war nie etwas übrig geblieben. Im Chapati-Zelt habe ich noch einige Brote mitgebacken und mir für den Heimweg ein großzügiges Stockbrot mitgenommen, ehe ich mich mit warmen Teiggeschmack kurz als Beobachter der Feuershow versucht und dann doch für´s Schlafengehen entschieden hatte.

 

Ich danke für die zahlreichen großartigen Erfahrungen an diesem Tag und auf dem Rainbow Gathering insgesamt. Dafür, dass ich meinen besten Freund aufblühen sehen darf, dafür, dass ich vor tausend Menschen ein Neugeborenes verkünden durfte, für die unterhaltsame Musik in Gruppen, für das wundervolle Naturschauspiel um uns herum und die vielen Begegnungen mit wunderschönen charismatischen Menschen.

 

 

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