Johannes, mit der Ausstrahlung des Vertrauens

Bereits am ersten Abend auf Gomera – wir folgten Jakobs Intuition auf der Suche nach Musik und angenehmen Menschen – trafen wir Johannes.
Ich neige dazu andauernd Muster erkennen zu wollen und vom Kleinen auf das Große zu schließen, weswegen die Begegnung mit ihm für mich sinnbildlich die erste in meiner neuen Wahlheimat war.
Johannes sollte später den Kern meines sozialen Lebens darstellen, mein bester Freund und unmittelbarer Nachbar werden. Bis heute habe ich für niemand anderen ähnlich brüderliche Gefühle entwickelt.

Doch es sollte dauern, bis wir uns näher kennenlernten. Für mich waren in den ersten Wochen andere Begegnungen und Geschichten relevanter, wenngleich die Höhle, die ich seit der ersten Woche bezogen hatte, von ihm empfohlen wurde. Es wurde der Ort, an dem ich die folgenden Monate die meiste Zeit verbrachte, die seligste Ruhe fand und immer wieder wundersame Momente mit einzelnen Freunden erleben durfte – dank dir Johannes.

Ich sah ihn immer wieder abends bei der hiesigen Feuershow, deren Hauptverantwortlicher er mit den Wochen wurde und durch seine atemberaubende Show quasi im Alleingang eine ganze Horde von Menschen unterhalten konnte. Johanness wusste wie kaum ein anderer, den ich beobachten durfte, wie er seinen Körper, seine Technik und seine charismatische Eigenart in harmonievoller Chemie nutzte, um das Beste zu schaffen. Er brachte uns – und nicht selten sich selbst, da es ihm auch nie an Humor fehlte – immer wieder zum Staunen und Rufen. Bei ihm jodelte die Menge, kreischte, klatschte und fasste sich vor Entsetzen mit den Händen an den Kopf. Er verschlug einem wahrlich die Sprache und war für mich der Eingang in die Welt der Feuershows. Er hat Maßstäbe gesetzt – in allem, was er tat.
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Neben der Feuershow unterhielt er gerne mit seiner Kristallkugel, die er ebenso elegant wie variantenreich über seinen gestählten Körper gleiten lassen konnte. Johannes war der Typ Mensch, der einen monatelang jeden Tag mit neuen Fähigkeiten überraschte, da er anscheinend ein schier unendliches Repertoire an Grundmotivationen und Begabungen besitzt. Er konnte Yoga-Übungen ebenso flexibel praktizieren, wie er geschmeidig mit einem Hula-Hoop-Reifen tanzte. Er hatte es ebenso gemeistert seinen Körper zu kontrollieren und beliebig nutzen zu können, wie er alle gedanklichen Grenzen überwunden und dadurch stets sein Bewusstsein erweitert hatte.
Sein Körper war sein Tempel, und er war der erste, der mir begegnete, dessen durchtrainierter Körper auf keine egozentrischen Muster zurückzuführen war, sondern darauf, dass ihm sehr wohl bewusst war, dass sein Körper das Medium ist, durch das er seine spirituelle und menschliche Erfahrung machte. Er war sein irdisches Werkzeug, welches gut gehütet werden möchte.

Nach einigen Wochen, als wir begannen uns gut zu verstehen und dem anderen zu vertrauen, verließ uns Johannes für knapp einen Monat.
Als er wiederkam, sollten sich unsere beiden Wege endgültig kreuzen und miteinander verschmelzen, zumindest für eine Weile.
Wir waren die letzten beiden, die nun seit mehreren Monaten im Barranco (steinige Trockenschlucht) lebten. Wir gingen Abends gemeinsam nach Hause, wir schliefen unweit voneinander und wir begannen jeden Tag zusammen – wobei ich anmerken möchte, dass seine Tage längst vor meinen begonnen. Jeden Morgen zog er seine Wanderschuhe an, joggte fünf Kilometer bis ans andere Ende des Ortes, erledigte dort seine Kraftübungen, joggte wieder zurück (ggf. unternahm er zwischendurch noch einen kleinen Einkauf) und begann dann sein stundenlanges Yoga, ehe er sich wusch und zum Frühstück bereit machte. Wenige Minuten vorher hatte ich überhaupt erst mein Bett verlassen.

Johannes wird von einer, mir in dieser Form unbekannten, inneren energetischen Schubkraft getragen, die es ihm ermöglicht Dinge und Vorgänge jeder Art zur Vollendung zu bringen. Manch einer würde plump sagen er sei diszipliniert, ich glaube, dass es  darüber hinaus geht. Das Vorantreiben und Mitgestalten von Entwicklungen, vor allem seiner eigenen, war das, was ihm höchste Zufriedenheit im Leben bot. Dabei hatte er sehr wohl auch das Verständnis dafür, dass alles seine notwendige Zeit brauche, wie eine Blume, um zur vollen Blüte zu wachsen.  Seine natürliche Ausstrahlung  vermittelte mir das Vertrauen, dass jeder seiner Schritte, jede seiner Taten nötig sei, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
Auch deswegen sah ich in Johannes einen der besten Gesprächspartner meines Lebens. Er wusste immer neue Anstöße zu geben und vor allem auf eine pädagogisch sinnvoller Weise seine Erfahrung in Ratschläge umzuwandeln, die es ein jedem offen ließen, ob er sie annehme oder nicht. Er brauchte und wollte niemanden überzeugen, denn Johannes war einer jener Halbgötter, die in sich eine so gefestigte Persönlichkeit besitzen, dass sie spielerisch ihre Umgebung beeinflussen und dennoch niemals mehr Aufmerksamkeit einnehmen würden, als von ihnen erwartet wird.

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Johannes (32) hat meinen Blick auf Natur verändert

Ich empfand ihn als ein geerdetes und zielgerichtetes Wesen, als jemanden, der ein ausgesprochen gutes Gespür dafür besaß, wie er was wann einsetzen musste, um mit höchstmöglichen Erfolg das angestrebte Ziel zu errreichen.
Ich glaube, dass durch das stetige Voranschreiten in seiner eigenen Entwicklung und Selbstverwirklichung, wahnsinnige Transformationskräfte in ihm wach wurden, die ihm das Feilen an seinem Bewusstsein möglich machten. Zunehmend ließ ihn jede Bewusstseinserweiterung ein Stück mehr die Natur und das Wesen aller Dinge durchschauen.

Auch wenn er immer wieder verantwortungsbewusst die zenrale Rolle in der Feuershow einnahm, war Johannes in erster Linie einer, dessen Blick stets auf die Gemeinschaft gerichtet war und der sich selbst sehr wohl zurücknehmen konnte.
Seine dynamische Energie gepaart mit seinem Blick für das Wesentliche wirkten mobilisierend und mitreißend auf andere, was sicher nicht zuletzt auch an seiner immensen Überzeugung und eigenen Tatkraft lag.

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Obwohl er wohl der begehrteste Mann war, der auf Gomera rumlief, fanden wir doch immer wieder größte Freude, wenn wir wiedereinmal unsicher wurden und von unserem Weg abkamen, sobald sich eine schöne Frau näherte. Mit ihm war das Miteinander vor allem authentisch, ehrlich und dem Wohl orientiert. Dafür habe ich ihn geliebt. Er hat sich in jedem Moment neu verlieben und verlieren können, weil er jedem Moment die gleiche Wichtigkeit zukommen ließ.
Er hat nichts dramatisiert oder verkompliziert. Er hat stets sehr genau gewusst, was im Gegenüber vorgeht, und dennoch nie die Fähigkeit verloren etwas zu erleben, als sei es das erste Mal. Er konnte sein Leben durch Kinderaugen sehen.

Er war der Mann, in dem ich am meisten von mir wiedersah, wenngleich mein Leben wahrscheinlich niemals ähnlich aktionsreich verlaufen wird. Doch wir hatten eine sehr synchrone Art und Weise eine Situation wahrzunehmen und darüber ohne Sprache reden zu können. Er gehörte zu den Menschen, mit denen ich die klarste Form von Kommunikation praktizieren konnte, ohne Wörter zu gebrauchen. In Stille. Oder lautstarkem Lachen.

Nur einen weiteren Menschen sollte ich später treffen, mit dem dies möglich war. Es wurde die Frau, die wir beide so interessant fanden und die ich über ihn erstmals kennenlernte.

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